17th of May, 2014

Alexandra Pontzen (Essen/Duisburg): Gedehntes Leid. Die peinigende Epiphanie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Pres_PontzenDie Epiphanie als Enklave der Entschleunigung: Ebenso wie Anne Fuchs befasste sich Alexandra Pontzen mit der Übersetzung eines sakralen Sujets oder einer sakralen Erfahrung in einen profanen Rahmen. Die Epiphanie ist dabei nicht mehr eine Erfahrung des Göttlichen oder des Auserwähltseins, sondern steht in ihrer Leidens- und Passivitätserfahrung den Erfahrungen der Erlebnisgesellschaft diametral gegenüber, wird aber auch universal erfahrbar. Die Epiphanie ist plötzlich, unplanbar, nur passiv zu erfahren, d.h. ohne eigenen Gestaltungsspielraum, überwältigend, zeitlich sehr limitiert, aber durchaus in der Lage, langwierige Denkprozesse anzustoßen, vollkommen unfreiwillig und stellt auch eine Gleichzeitigkeit her, die in einem Einssein mit sich und seiner Umgebung resultiert, die sonst unerfahrbar ist. Besonders stellte Frau Pontzen die strukturelle Ähnlichkeit zwischen der Epiphanie als Wahrnehmungsmodus und dem Peinlichkeitsempfinden heraus, die sie beispielsweise auch in einer Analyse von John Williams Erzählung Stoner nachvollzog. Hier erfährt der Protagonist seine Epiphanie im Rahmen einer Analyse von Shakespeares Sonett 73. Eine strukturelle Ähnlichkeit sieht sie beispielsweise darin, dass das Subjekt im Moment aufgeht, sich aber gleichzeitig bei diesem Vorgang beobachtet, es ist also gleichzeitig Subjekt und Objekt der Erfahrung. Auch ihre Unterscheidung in Lese- und Textepiphanie war einleuchtend, denn nicht immer erfolgt durch eine literarisch vermittelte Epiphanie auf der Textebene eine ebensolche auf der Rezeptionsebene (Hanna Schumacher).

sonett73

In der Mitte: Shakespeares 73. Sonett


Karen Leeder (Oxford): ‚Die Zeit ist aus den Fugen‘: The Berlin Republic – A Time for Spectres
Leeder_PresKaren Leeder beschrieb in ihrem Vortrag die Nachwendezeit als unheimliche Zeit, in der Kunst, Literatur und Film ein ausgeprägtes Interesse an Gespenstern, Doppelgängern und ähnlichen Erscheinungen zeigen und damit auf eine lange literarische und künstlerische Tradition Bezug nehmen (Shakespeare, Schauerliteratur, danse macabre usw). Geister als Brechungen chronologisch-linearer Temporalität, so ihre Argumentation, sind symptomatisch für die gestörte zeitliche Ordnung der Berliner Republik nach dem Mauerfall, in der die Schemen der sozialistischen Vergangenheit weiter existieren und die Gegenwart heimsuchen. Leeder verwies dabei auf Derrida (“Spectres of Marx”), der Gespenster als Figuren der Wiederholung mit dem Bruch chronologischer Kategorien in Verbindung bringt und machte außerdem auf Parallelen zum Traumadiskurs aufmerksam (Trauma als disruptive Wiederholung von nicht bewältigtem Vergangenen). Auf zwei Beispiele gespenstischer Erscheinungen in der Kunst und Literatur der 1990er Jahre ging Leeder genauer ein: Heiner Müllers Berliner Inszenierung von „Die Hamletmaschine“ im Frühling 1990 und Michael Weselys Langzeitbelichtungen der Bautätigkeiten um den Potsdamer Platz in den Jahren 1997 bis 1999. Sie stellte fest, dass in beiden Fällen lineare Zeitordnungen auf unheimliche Weise gebrochen werden. In Müllers Stück geschieht dies durch gespenstische Wiedergänger, die sich als Aufforderung zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Warnung vor der ewigen Wiederkehr geschichtlicher Ereignisse deuten lassen. In Michael Wesleys Langzeitbelichtungen nimmt die unheimliche Gleichzeitigkeit von Vergangenem und Gegenwärtigem in den gespenstischen, sich überlagernden Schatten alter und neuer Gebäude, der irritierenden Abwesenheit menschlicher Spuren und Zeitkategorien Gestalt an (Katharina Forster).


Silvia Mergenthal (Konstanz): Roads (Not) Taken – Time and Alternate History in Kate Atkinson’s Life After Life
Mergenthal_PresSilvia Mergenthal stellte in ihrem Vortrag Kate Atkinsons Roman „Life After Life“ (2013) als Beispiel ästhetischer Eigenzeit vor. Die komplex verzweigende Handlungsstruktur des Romans, in dem Atkinson durch verändernde Wiederholung vergangener Ereignisse alternative, gegenseitig unvereinbare Lebensgeschichten für ihre Protagonistin Ursula Todd entwirft, bricht nicht nur mit den Konventionen realistischen Erzählens und traditioneller Leseweisen sondern destabilisiert Zeit als einheitliche, absolute Kategorie. Mergenthal machte zunächst deutlich, dass sich die spezifische Struktur des Romans mit keinem von Stephen Jay Goulds Zeitmodellen – weder dem Konzept des Zeitpfeils („Time’s Arrow“) noch dem des Zeitkreises („Time’s Cycle“) – eindeutig erfassen lässt. Fruchtbarer, so Mergenthal, sei ein Vergleich mit Traumaliteratur, Texten der Erinnerung („narratives of commemoration“) und metafiktionalem Kommentar. Dabei verglich sie die korrigierende Wiederholung von traumatischen Ereignissen in Atkinsons Roman (Figuren treten in der Wiederholung aus ihrer Opferrolle heraus, überleben, finden zueinander) mit Erzählstrategien der Traumaliteratur und den neurobiologischen Prozessen therapeutischer Aufarbeitung. Außerdem beleuchtete sie das metafiktionale Element des Romans: Die wiederholende Revision scheinbar unwiederruflicher Ereignisse (Figuren sterben, aber erhalten in alternativen Handlungsszenarien neues Leben) reflektiert die Allmacht des Autors über seine fiktionale Erfindung, der jedoch in Atkinsons Roman durch die Unabänderlichkeit geschichtlicher Fakten auch Grenzen gesetzt sind (Katharina Forster).


Silke Horstkotte (Leipzig): Die Zeit, die endet und das Ende der Zeit. Eschatologische Poetik und gegenwärtige Kultur.

Pres_HorstkotteWie auch Anne Fuchs und Alexandra Pontzen befasste sich Silke Horstkotte in ihrem Vortrag mit der Übertragung eines ursprünglich der theologischen Heilslehre entstammenden Konzeptes in den popkulturellen bzw. literarischen Diskurs: Sie widmete sich der Eschatologie, also der Lehre vom Ende aller Zeiten, die gleichzeitig den Anbruch einer neuen Zeit verspricht.
Die Apokalypse ist also bereits in ihrer theologischen Ausrichtung nicht nur ein dystopischer Raum des Schreckens und der Vernichtung, sondern auch einer, in dem Transformationen möglich sind; sie wird damit zu einer quasi „protorevolutionären Wunscherfüllungsphantasie“. An den Ausgangspunkt ihrer Analyse stellte Silke Horstkotte die Überlegungen Slavoj Zizeks und Giorgio Agambens, die beide dieses sakrale Ereignis für den säkularisierten Diskurs funktionalisieren: Zizek in Living in the end times (London 2011), Agamben in Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief (Frankfurt/M. 2006). Die zur Interpretation ausgewählten Texte, 42 (Berlin 2005) von Thomas Lehr und Die Arbeit der Nacht (München 2006) von Thomas Glavinic, näherten sich dem Ende der Zeit auf ebenso unterschiedliche Weise wie die beiden Theoretiker, kamen jedoch letztendlich zu einem ähnlichen Schluss: Eine utopische Zeiterfahrung der Transzendenz ist nicht möglich, es bleibt nur die dystopische Katastrophe (Hanna Schumacher).


 

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