15th of May, 2014

Fritz Reheis (Bamberg): Breit oder punktförmig? Zu den Gegenwartsdiagnosen Gumbrechts und Rosas

Dialektisch entwickelte Fritz Reheis seinen Vergleich der Gegenwartstheorien des wertkonservativen Geisteswissenschaftlers Hans Ulrich Gumbrecht und des linken Sozialwissenschaftlers Hartmut Rosa, die beide die Gestimmtheit der Seele und vor allem die des Körpers als transzendentale Bedingungen heutiger Ich- und Welterfahrung einstufen. Als Versionen der bekannten Hamsterrad-Metapher beurteilt Reheis die konvergenten Symptombeschreibungen beider Theoretiker, wobei ihre ontologischen Subjektvorstellungen verschieden angelegt sind. In Bewertungsfragen verhalten sich beide indifferent, während Reheis ihre Praxiskonsequenzen für Individuum, Gesellschaft und Politik als deutlich divergent erachtet.

Den Zustand des heutigen Selbst beschreibt Gumbrecht als ineffizientes und zirkuläres Driften zwischen den Polen des Abstrakten, Geistigen und Spirituellen und denen des Konkreten, Körperlichen und Räumlichen, infolgedessen könne das Selbst bestenfalls „schwach konturierte“ Identität ausbilden; es unterstehe in seiner „absoluten Freiheit“ zugleich bestimmten Bedingungen, die „uns auferlegt sind“, bezüglich der letzteren unterstellt er aber wiederum, man könne sie wahlweise anerkennen oder ignorieren. Reheis charakterisiert Gumbrechts Gedankengang als „höchst nebulös“. Er sieht ein Versäumnis darin, die kollektive politische Selbstentmündigung vieler Menschen nicht als soziales Problem wahrzunehmen, wenn Gumbrecht das „Ende der Ideologien“ postuliert und daraus herleitet, Politikmüdigkeit resultiere aus einer Zufriedenheit der Bürger, die darauf vertrauten, dass jede neue Politikergeneration immer bessere Lösungen für die Probleme unserer Zeit schaffe. Reheis führt Gumbrechts Subjektbegriff des zirkulären Oszillierens in einem breiten Gegenwartsraum auf dessen Behauptung der verschwundenen Zeitdimension zurück, und attestiert Gumbrecht zusammenfassend eine „eigenartige Kombination von naturwissenschaftlich gerechtfertigtem Determinismus und alltagspraktisch plausibilisiertem Voluntarismus“.

Als weitaus konkreter stuft Reheis die Subjektvorstellung von Rosa ein, der kein Verschwinden der Zeit unterstellt, aber ein Verschwinden von Identität, da für Rosa das Individuum gezwungen ist, sich bei moralischer Freiheit nur noch punktförmig und bloß noch situativ in der Gegenwart zu verorten; ebenso reagiere auch die Politik nur noch zeitlich indexiert; all dies zerstöre die normative Grundlage individuellen und kollektiven Lebens gleichermaßen. Dieses Problem leitet Rosa aus einer Verzeitlichung der Zeit unter den allseitig unterdrückenden Bedingungen des beschleunigten Kapitalismus her. Wo Individuum, Politik und Gesellschaft in ihrer ontologischen Tiefe derartig stillstehen, während die Oberfläche des Lebens sich weiterhin grenzenlos beschleunigt, steht für Rosa das Ende des emanzipatorischen Projektes der Moderne in der Nachfolge der Aufklärung außer Frage. Dagegen stellt Rosa als Ausweg seinen Resonanzbegriff, der das Menschsein in Leib, Seele und Geist als stets möglichen, ganzheitlichen Weltbezug zu anderen Menschen wie auch zu Natur und Religion begreift.

Die Reaktionen beider Theoretiker auf Gegenwartsanalysen und Zukunftsprognosen anderer Menschen, von denen sie jeweils berichten, erachtet Reheis als besonders aufschlussreich. Während beide in unterschiedlichen Kontexten erhebliche persönliche Irritation erfuhren, als ihre bisherige Denkweise auf die Probe gestellt wurde, blieb diese Irritation laut Reheis bei Gumbrecht folgenlos, während Rosa sich seither intensiv um eine soziologische Antwort auf die Frage nach dem Guten Leben bemühe.

Gumbrechts Theorie lehnt Reheis als apokalyptische Vision ab, deren Verfasser sich explizit in eine private Idylle zurückziehe, er attestiert Gumbrecht „Orientierungs- und Ratlosigkeit in Praxisfragen“. Dagegen wolle Rosa mit seiner Resonanztheorie  wegweisende Erkenntnisse der Kritischen Theorie über individuelle und kollektive Erfahrungen von Entfremdung mit der Bedeutung von Autonomie, Authentizität und Anerkennung für ein gelingendes Leben verknüpfen. Daher eigne sich dieser  vergleichsweise weit gefasste dialektische Resonanzbegriff als zentraler Begriff für eine zeitgemäße Kritische Theorie. Indem Reheis axiomatisch eine Zweckbindung von Wissenschaft für Mensch und Natur einfordert, die als interdependentes und untrennbares Ganzes nur gemeinsam in der Welt sein können, lehnt er die bei Gumbrecht und Rosa implizierte apriorische und apodiktische Trennung zwischen Geistes-und Sozialwissenschaften einerseits und Naturwissenschaften andererseits ab. Reheis plädiert stattdessen mit Adorno für einen „radikal integrativen Ansatz“ als gemeinsame Anstrengung aller Wissenschaften auf dem Weg zum Guten Leben.

In der Diskussion wurde zunächst die Frage aufgeworfen, inwieweit Gumbrecht den apokalyptischen Vorstellungen Virilios folge; Reheis bestätigte, daß Gumbrechts Vorstellung implizit stark durch Virilio geprägt sei. Gegen Rosa wurde eingewandt, sein Bild der Moderne sei undialektisch, und seine Resonanztheorie könne keine Geltung beanspruchen, weil die Bedingungen dafür bereits nicht mehr gegeben seien. Zudem unterschlage Rosa die kulturelle Ambivalenz der Moderne als Projekt. Es sei möglicherweise ein generelles Problem der Soziologen, die Qualität des Kulturdiskurses zu unterschätzen. Reheis verwies hierzu darauf, der Helmut Rosa vor und der nach dem folgenreichen Irritationserlebnis sei nicht ein- und derselbe Denker. Rosa habe nach diesem Erlebnis sein Bild der Moderne durch Rückkopplungen und dialektische Elemente korrigiert und ergänzt. Zudem sage Rosa immer wieder, er produziere bislang nur Vorarbeiten; ein großer Theoriewurf sei von Rosa also erst noch zu erwarten.

Rezension von
Gerhild Krebs, Saarbrücken/Coventry, e-Mail gerhild@handshake.de
Head of Saarländisches Filmarchiv, PhD candidate at Warwick University


Christer Petersen (Cottbus): Büchners Katze – Versuch über digitale Beschleunigung und technische Eigenzeit

Quelle: Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Christer Petersen widmete sich in seinem Vortrag dem Zusammenwirken von digitaler Beschleunigung und subjektiver Eigenzeit und dessen Thematisierung in Philosophie und Medientheorie. Der ideengeschichtliche Überblick begann mit dem traditionellen philosophischen Zeitdiskurs—Augustinus Beschreibung von Zeit als rein mentalem Phänomen und Kants radikal idealistischem Zeitbegriff—, in dem Zeit nur als innere, subjektive Zeit erfasst wird. Eine kritisch-reflektierte Auseinandersetzung mit subjektiver Eigenzeit, Zeitwahrnehmung und technisch bedingter äußerer Zeit findet sich erst in der Medientheorie. Im Verweis auf Walter Benjamin und Marshall McLuhan beschrieb Petersen den medienkritischen Blickwechsel vom Inhalt auf die Funktion der Medien und ihre Wirkung auf Wahrnehmung und Lebenswirklichkeit, bevor er sich schließlich postmodernen Medientheorien zuwandte, die das Phänomen digitaler Beschleunigung, herbeigeführt durch die Verbreitung neuer Massenkommunikationsmedien, und ihre Effekte auf das Subjekt in den Blick nehmen. Petersen verwies hier auf den von Paul Virilio prognostizierten „rasenden Stillstand“ der digitalen Mediengesellschaft, John Tomlinsons Beschreibung einer „Culture of Speed“ sowie Hartmut Rosas Theorien der sozialen Beschleunigung. Die gängige Darstellung von Beschleunigung als allgegenwärtig und unentrinnbar bewertete Petersen jedoch äußerst kritisch als zu vereinfacht und generalisierend. Er machte darauf aufmerksam, dass in der Praxis gerade Prozesse technischer Entwicklung – in ihrem Streben nach größter Genauigkeit und kleinsten Dimensionen – durch zunehmende Ausdifferenziertheit, Kleinschrittigkeit und Verlangsamung charakterisiert sind. So forderte er eine nuancierte Auseinandersetzung mit dem Thema Beschleunigung. Im Verlauf der stetigen gesellschaftlichen Differenzierung im Sinne Luhmanns könnten neben beschleunigten Prozessen auch Bereiche der Verlangsamung entstehen. (Katharina Forster)


Erica Carter/Ricarda Vidal (Kings’s College London): Translation, Ekphrasis, Poiesis. Comments on Translation Games and Intermedial Time.

In ihrer Vorstellung des Übersetzungsprojektes Translation Games (2013) konzentrierten sich Erica Carter und Ricarda Vidal vor allem auf den Übersetzungsprozess eines kurzen Textes von Colleen Becker, What We Made, der nicht nur in verschiedene, im europäischen Kontext teils marginalisierte Sprachen, sondern auch in andere Medien der Bildenden Künste, wie Film, Skulptur, Installation, Modedesign übersetzt bzw. übertragen. Ausgehend von der Prämisse, dass Übersetzung immer vom Original differiert, stellten die Durchführenden jedoch fest, dass dies nicht der Fall war: trotz der verschiedenen Translationsstufen und verwendeten Medien wie Film, audiovisuelle Installationen, Skulpturen und Tanz, ließen sich gewisse Similaritäten durch die Übersetzung hindurch verfolgen. Übersetzung und Original besetzten dabei auch denselben temporalen Raum, woraus sich die Frage ergab, ob Kunst verschiedene Temporalitäten besitzen kann. In ihrer genauen Analyse des Textes stellte Erica Carter heraus, dass auch die anderen Kunstwerke „orders of temporality“ in ihren jeweiligen Strukturen nachvollziehen; vor allem den Antagonismus zwischen action und stillness. Diese temporalen Narrative werden in Rhythmus und Form übertragen: Eine stampfende Bewegung des Fußes, eine sich langsam nach oben öffnende florale Struktur. Doch hier zeigte sich auch ein Problem, dass die kulturelle Übersetzungstheorie generell beschäftigt: die teilweise Unmöglichkeit, Differenz, in diesem Fall besondere Vorstellungen von Zeitlichkeit, adäquat in ein anderes Referenzsystem zu überführen (Hanna Schumacher).


Elfriede_Jelinek_Autograph

Elfriede Jelineks Autograph Quelle: Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0

Aleida Assmann (Konstanz): Aus der Zeit gefallen – Gedanken zu Elfriede Jelineks Winterreise
Aleida Assmann widmete sich in ihrem Beitrag Elfriede Jelineks Theaterstück Winterreise. Der Analyse des Textes stellte Assmann eine Untersuchung des „Chaos der Beschreibungen“ voran, das sie den gegenwärtigen Diskussionen um Zeit und Beschleunigung bescheinigt. Statt zur Vermehrung der widersprüchlichen Diagnosen von einer „Gegenwartsschrumpfung“ (Hermann Lübbe) auf der einen oder einer „breiten Gegenwart“ (Hans Ulrich Gumbrecht) auf der anderen beizutragen, plädierte Assmann dafür, drei Formen von Zeit genauer zu unterscheiden: die physikalische Zeit, verstanden als objektiv messbare Größe, die psychische Zeit, deren Wahrnehmung sich an einem Drei-Sekunden-Fenster orientiert und die kulturelle Zeit, die als Erweiterung der psychischen verstanden werden kann.
Vor diesem Hintergrund wandte sich Assmann Jelineks Stück Winterreise zu, das sich auf den gleichnamigen Liederzyklus von Franz Schubert bezieht. Mit dem romantischen Prätext hat Jelineks Stück vor allem die Thematisierung von Fremdheitserfahrungen gemein: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus“, so heißt es am Anfang beider Texte. Allerdings wird die räumliche Fremdheitserfahrung, die Schuberts Komposition prägt (unter anderem verwendet er auch das Ahasver-Motiv), bei Jelinek in eine zeitliche übersetzt: es geht um das Gefühl, aus der Zeit zu fallen oder gefallen zu sein. Im Stück äußert sich diese Erfahrung temporaler Fremdheit in einem Mangel an Gegenwart, Zeitgenossenschaft und Zukunft. In einer Reihe dramatischer Monologe offenbart sich das Ich als gänzlich abgeschnitten von allen Teilnahmemöglichkeiten. Angesichts dieser Situation verfällt es in einen manisch-überbordenden, „kalauernden“ und repetitiven Sprachfluss – „immer dieselbe Leier“, wie Jelinek schreibt. Laut Assmann thematisiert Jelineks Stück das Thema Zeit auf drei Ebenen: Zum einen im Zusammengang mit dem Begriff der Identität, wobei die Spaltung zwischen Zeit und Ich im Zentrum des Textes steht. Zum anderen koppelt das Stück Zeit(lichkeit) an das Thema Altern und damit letztlich auch an den Tod und streicht dabei die Wahrnehmung eines sich schließenden Zukunftshorizonts heraus, die in einen kalkulierten Umgang mit Zeit als kostbarer und knapper Ressource mündet. Zu guter Letzt reflektiert Jelineks Stück  das Verhältnis von Zeit, Kunst und Autorschaft, ohne jedoch zu übermäßig positiven Schlüssen zu gelangen: Weder das Ich noch die Kunst können sich dem Terror einer Gegenwart, die beständig ihren Gegenwert einklagt, widersetzen; am Ende steht damit der Untergang: Was nicht mehr gehört wird, hört auf. Das Gefühl, aus der Zeit zu fallen korrespondiert demnach mit dem Verschwinden des Ichs aus dem Text und dem Untergang der Autorenpersona Jelinek (Maria Roca Lizarazu).

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